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Im zweiten Beitrag unserer Blogartikel-Serie zu Barrierefreiheit möchten wir spezifisch auf blinde Personen eingehen. Möchten Sie ihr Produkt für Blinde zugänglich machen oder ist ihr Produkt speziell auf blinde Nutzende ausgerichtet? Wir geben Ihnen Hinweise was Sie bei dieser Gruppe Nutzender beachten sollten.

Wie wir im ersten Beitrag unserer Artikelserie zu Barrierefreiheit beschrieben haben, kommt die barrierefreie Gestaltung von Produkten allen Menschen zugute, denn barrierefreie Produkte sind besonders flexibel gestaltet. Sie gehen damit in besonderem Maße auf unterschiedlichste Anforderungen und Vorlieben von Nutzenden ein.

Um ein Produkt hinsichtlich der Gebrauchstauglichkeit zu überprüfen, stehen vielfältige Methoden zur Verfügung. Bei barrierefreien Produkten sind besonders Experten basierte Verfahren etabliert, bei denen Richtlinien wie z.B. die WCAG-Richtlinien [1] überprüft werden. Automatisierte Tools können hier helfen. Da diese Verfahren auf allgemeinen Richtlinien basieren, können sie häufig keine spezifischen Probleme von behinderten Personen mit einer bestimmten Einschränkung aufdecken.

Nutzerbasierte Verfahren, die eine spezifische Zielgruppe einbinden, liefern detailliertere Ergebnisse. So können Befragungen oder Usability-Tests, bei denen man die Nutzenden während der Aufgabenbewältigung mit einem Produkt beobachtet, eingesetzt werden. Auch für die barrierefreie Gestaltung gilt, dass Nutzer-Tests genaue Informationen über die Bedienprobleme [2] liefern und damit zielgruppenspezifische Anforderungen an ein Produkt abgeleitet werden können [3].

Eine spezifische Gruppe unter den Menschen mit Behinderungen sind blinde Personen. Als blind gilt eine Person mit unter 2% normaler Sehkraft [4], [5]. Darüber hinaus gelten Personen mit maximal 5% als hochgradig- und mit 30% Sehkraft als sehbehindert [5]. Von Blindheit und Sehbehinderung sind knapp 330 Tsd. Menschen in Deutschland betroffen [6]. Die Gestaltung von Produkten für Einschränkungen der visuellen Wahrnehmung kann aber ebenso Menschen mit einer anderen Störungsform der visuellen Wahrnehmung z.B. der Farbblindheit zugutekommen, welche ca. 5% der Bevölkerung (also jeden 22. Menschen) betrifft.

Wie Usability-Tests für die Zielgruppe Blinde genau zugeschnitten werden müssen, damit beschäftigte sich Marie Sophie Veihelmann 2024 im Rahmen ihrer Masterarbeit [7] an der TU Chemnitz. Sie erstellte auf Basis von Experteninterviews einen Leitfaden für Usability-Tests mit Blinden auf und ließ diesen im Vergleich zu einem unspezifischen Leitfaden evaluieren. Hier zeigten sich für die Phasen der Rekrutierung, Vorbereitung und Kommunikation Unterschiede in den Bewertungen. Besonders in der Vorbereitung und Durchführung gibt es also spezifische Faktoren zu beachten, die aber zu verbesserten Testergebnissen mit Blinden führen können.

Nach Veihelmann ist die Rekrutierung von Blinden besonders über –verbände, -schulen, -vertretungen an Universitäten oder mit dem #a11y über social Media Kanäle effektiv. Zudem sollte bei der ersten Kontaktierung über E-Mail die Möglichkeit des Telefonierens angeboten werden. Vorab sollten technische Rahmenbedingungen und Vorlieben abgefragt werden: Unterschreiben von Einverständniserklärungen digital (via DocuSign) oder vor Ort (mit Schablone), Setup technischer Geräte (Assistenzsysteme) bzw. Wunsch nach Mitbringen eigener Geräte. Vorabdokumente wie Wegbeschreibungen und Fragebögen sollten als barrierefreie pdf erstellt sein (siehe dazu folgender Artikel Mitte Februar). Der Zugang und die Räumlichkeiten selbst sowie die Anreise via ÖPNV sollten ebenfalls barrierefrei möglich sein (siehe ebenfalls folgender Artikel dazu).  Hier ist v.a. an ausreichend Platz zur Orientierung mit dem Blindenstock bzw. für einen Blindenhund zu denken. Stolperfallen und die Anzahl von Personen im Testraum sollten minimiert werden. Um den Versuch reibungslos durchführen zu können sind besonders die notwendigen oder gewünschten Assistenzsysteme vorab zu testen. Besonders gut eignen sich die verschiedenen Varianten des Lauten Denkens für die Datenerhebung.

Die ausführliche Guideline inkl. einer Checkliste für User-Tests mit blinden Personen von Marie Sophie Veihelmann findet sich im Anhang dieses Artikels und in der Materialsammlung Barrierefreiheit.

Referenzen

[1] W3C. (2023). Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.1. Online abrufbar unter: https://www.w3.org/TR/WCAG21/

[2] Nielsen, J. (1993). Usability engineering. Academic Press.

[3] Nuñez, A., Moquillaza, A., & Paz, F. (2019). Web Accessibility Evaluation Methods: A Systematic Review. In A. Marcus & W. Wang (Hrsg.), Design, User Experience, and Usability. Practice and Case Studies (Bd. 11586, S. 226–237). Springer International Publishing. https://doi.org/ 10.1007/978-3-030-23535-2_17

[4] Bundschuh, K., Heimlich, U., Krawitz, R., & Klein, F. (Hrsg.). (2007). Wörterbuch Heilpädagogik: Ein Nachschlagewerk für Studium und pädagogische Praxis (3., überarb. Aufl). Klinkhardt.

[5] Schippenbeil, S. (2016). Ich sehe so, wie du nicht siehst Leben mit einer Sehbehinderung – was heißt das? (Blickpunkt Auge – Rat und Hilfe bei Sehverlust, Hrsg.). www.dbsv.org/ broschueren.html#umgang

[6] Statistisches Bundesamt. (2021). Schwerbehinderte Menschen mit Ausweis (absolut und je 100.000 Einwohner). Gliederungsmerkmale: Jahre, Region, Art der Behinderung, Grad der Behinderung. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. https://www.gbe-bund.de/gbe/ p k g _ i s g b e 5 . p r c _ m e n u _ o l a p ? p_uid=gast&p_aid=80488811&p_sprache=D&p_help=0&p_indnr=218&p_indsp=115&p_ity p=H&p_fid=

[7] Veihelmann, M. S. (2024). Usability-Tests für Barrierefreiheit mit blinden Personen – ein Vergleich eines spezifischen und unspezifischen Leitfadens. Unveröffentlichte wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades „Master of Science“. Fakultät für Human und Sozialwissenschaften. Institut für Psychologie. TU Chemnitz.

29.01.25

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